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Samstag, 6. April 2013

Das Jüdische Museum in Berlin

(c) Frau von Saltkrokan

Nachdem ich krankheitsbedingt zunächst auf einen Besuch des Jüdischen Museums verzichten musste (die Couch, warmer Tee und Taschentücher waren da doch attraktiver), fuhr ich heute, am letzten Tag in Berlin, noch dorthin. M. ließ ich daheim im kuscheligen Bett, für das er sich dann doch etwas mehr interessierte.

Das Jüdische Museum ist in einem imposanten Bau untergebracht, teils im alten Gebäude, teils im - von Daniel Libeskind (Düsseldorfer kennen ihn vom KÖ-Bogen her) entworfenen - Neubau. Dieser Neubau ist ein typisches Beispiel moderner Architektur und, entschuldigung, wenn ich das jetzt so sagen muss, furchtbar. Riesiggroß, grau und düster. Von außen wirkt er hermetisch abgeschottet, fast schon wie ein Gefängnis oder eine Hochsicherheitsanlage. Im Inneren ist der Neubau dafür umso interessanter, weil sehr verwinkelt und weitläufig. Im Nachhinein erwieß es sich als klug, früh genug zum Museum zu fahren, da die Leute, als ich herauskam, in einer langen langen Schlange anstanden. Vor dem Weg zur Kasse sollte man Zeit für die Kontrolle mitbringen, die flughafenmäßig, aber sehr unkompliziert abläuft. Für Studenten kostet der Eintritt unschlagbare 3,50 € (wenn gerade keine Sonderausstellung ist, nur 2,50 €) und für Normalsterbliche 7 € (bzw. 5 €).

(c) Frau von Saltkrokan

Zunächst gelangt man in das Untergeschoss, wo sich die Ausstellung thematisch auf die Shoa und das Exil beschränkt. Dieses Geschoss ist in verschiedene sogenannte "Achsen" unterteilt plus den "Garten des Exils" und den "Holocaust-Turm" (hier fragte ich mich übrigens, wieso "Holocaust" und nicht "Shoa" - ausgerechnet im Jüdischen Museum). Die Wände sind hier mit den Namen von Orten beschrieben, zu denen Juden deportiert wurden oder auswanderten.
(c) Frau von Saltkrokan
Die Exponate sind meist sehr persönlich und reichen von Alltagsgegenständen bis zu Briefen. Gerade die Namen waren für mich hier - wieder einmal - das Beeindruckendste. Wenn man in der Schule oder im Studium Fakten zum Holocaust lernt, übersieht man oftmals das Menschliche, die Einzelschicksale, und hier waren diese präsent. Die Atmosphäre empfand ich hier als eher bedrückend, ganz besonders im "Holocaust-Turm", einem Raum, der nicht belüftet, beheizt oder künstlich beleuchtet wird und in den nur durch einen schmalen Spalt Tageslicht fällt. Die Bedeutung ist nicht explizit (So wie mir das inzwischen bei moderner Architektur und Kunst Gang und Gäbe erscheint // Zynismus Ende), sondern wird dem Besucher überlassen, doch schon durch den Namen ist die Bedeutung greifbar - ich persönlich fühlte mich wie eingesperrt.
Die Dauerausstellung zur Geschichte des Judentums ist da schon wesentlich freundlicher und verspielter eingerichtet, man kann Dinge nicht nur ansehen, sondern auch ausprobieren und erlernen und Filme ansehen.  Besonders zur Moderne hin erfährt man auch viel über die jüdische Lebenswelt, religiöse Feste und Bräuche. Sehr toll fand ich das koschere Geschirr, das sowohl in der älteren als auch der modernen (Plastik?-)Version (unterteilt in "Meat" und "Dairy") ausgestellt war, und die Kippot, die Motive aus Film und Fernsehen trugen (beispielsweise Batman oder die Darsteller aus "Friends").

(c) Frau von Saltkrokan

Die Sonderausstellung mit dem Titel "Die ganze Wahrheit ... was Sie schon immer über Juden wissen wollten" beantwortet alle erdenklichen Fragen zum Thema Judentum, meist jedoch implizit durch Zitate oder Ausstellungsstücke. Beispielsweise, ob ein Rabbiner heiraten darf, ob Juden an Satan glauben oder ob man über den Holocaust Witze machen darf. Vor Betreten der Sonderausstellung erhält man drei Plastikchips (ähnlich wie die beim Poker, nur etwas kleiner), die man später bei einer Art Umfrage in Behälter werfen kann: "Sind Juden besonders ... geschäftstüchtig? Intelligent? Schön? Einflussreich?" - Mir war bei dieser Umfrage nicht so wohl, bediente sie doch sämtliche Klischees, die man über Juden so hat und diese Fragen waren genauso absurd als würde man sie über eine andere Gruppe Menschen stellen (Bayern, Amerikaner, Frauen, Männer, Christen, Afroamerikaner etc.). Vielleicht soll man aber auch mit seinen eigenen Klischees konfrontiert werden, wer weiß ... Dennoch fand ich die Sonderausstellung sehr interessant und besonders für Leute sehenswert, die sich bisher kaum oder gar nicht mit dem Judentum beschäftigt haben.

Insgesamt hat mir das Jüdische Museum sehr gut gefallen und jedem, der sich für das Thema interessiert, kann ich es nur empfehlen. Man sollte aber nicht genervt sein, wenn oft auf das Dritte Reich Bezug genommen wird (durch den Schulunterricht wurde das Thema ja leider schon so manchem verleidet), immerhin ist das ein wichtiger Abschnitt in der jüdischen Geschichte. Wenn man sich ausführlich mit den Exponaten beschäftigen möchte, sollte man sehr viel Zeit mitbringen, ich denke, drei bis vier Stunden sind hier durchaus realistisch.

Donnerstag, 31. Januar 2013

Das Literaturmuseum der Moderne in Marbach am Neckar

(c) Frau von Saltkrokan

In den letzten Tagen war ich zur Recherche für meine Masterarbeit in Marbach am Neckar, im Deutschen Literaturarchiv.  Am letzten Tag vor meiner Abreise habe ich dem Literaturmuseum der Moderne in Marbach einen Besuch abgestattet. Da die letzte Wechselausstellung gerade gelaufen war, hatte ich Glück und musste sogar nur fünf Euro Eintritt zahlen (Womit ich auch das Schiller-Nationalmuseum hätte besuchen können, aber dafür war keine Zeit mehr.) Bilder konnte ich dort leider keine machen, aber dennoch wollte ich euch unbedingt davon erzählen, denn ich finde, besonders für Literaturfreunde und Bibliophile lohnt sich ein Besuch. Die Dauerausstellung zeigt besondere Stücke aus den Nachlässen von Autoren aus dem zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhundert, also von Original-Manuskripten über Gegenstände bis hin zu Briefen, Postkarten und Kleinstschnipsel. Alles ist in Vitrinen untergebracht und chronologisch aneinander gereiht. Ende des 19. Jahrhunderts bis in das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts.
Als ich durch die Reihen lief, war es, als wenn ich alle paar Minuten einen alten Freund oder eine alte Freundin in diesem Raum entdeckt und begrüßt hätte. Die meisten der Namen waren mir bekannt, mit manchen von ihnen hatte ich schon meine literarischen oder wissenschaftlichen Stelldicheins. Manche Exponate verursachten mir Gänsehautschauer, andere brachten mich zum Lachen, wiederum andere fast zum Weinen vor bloßer Rührung. Sieht man über den wissenschaftlichen Wert hinweg, liegen dort Zeugnisse von Menschenleben und schon allein deswegen lohnt sich die Ausstellung.
Da an den einzelnen Exponaten nur der Nachname des Autoren (bei Thomas und Heinrich Mann also beispielsweise etwas verzwickt) und die Jahreszahl steht, empfehle ich jedem, der etwas mehr Zeit mitbringt und Genaueres zu den Sachen erfahren möchte, den Audioguide zu nutzen, der im Eintritt enthalten ist. Ich habe ihn mir aus Zeitgründen gespart und hatte durch ein gewisses Hintergrundwissen auch nicht dermaßen große Verständnisprobleme.

Meine Highlights waren:
  • Eine Schwimmbadkarte von Marie-Luise Kaschnitz (nach der mein Gymnasium benannt war/ist) für eine "städtische Badeanstalt für weibliche Personen".
  • Ein Notenblatt von Mascha Kaléko (über die ich meine Bachelorarbeit verfasst hatte), auf dem sie ein Liedchen mit "Ich liebe dich"s notiert hatte (mit Noten!).
  • Der erste Brief von Franz Kafka an seine zukünftige Verlobte Felice Bauer, ebenso wie das handschriftliche Manuskript vom "Proceß" (übrigens das wertvollste Stück der Ausstellung, weswegen ich damit gerechnet hatte, es in einem separaten Ausstellungskasten vorzufinden, aber es lag so versteckt inmitten der anderen, dass ich es fast übersehen hätte).
  • Das handschriftliche Manuskript der "Unendlichen Geschichte" von Michael Ende - Pippi in den Augen, als ich die ersten Zeilen las und daran dachte, wie ich es mit acht Jahren gelesen habe.
  • Die Manuskripte und Collagen von Döblin zu "Berlin Alexanderplatz" (über den ich gerade meine Masterarbeit schreibe).
  • Ein Telegramm von Ingeborg Bachmann an Paul Celan aus Paris.